Was kommt dir in den Sinn, wenn du den Begriff „Positive Psychologie“ liest?
„Lächle einfach!“
„Halte den Kopf hoch!“
„Schau nicht zurück, sondern nach vorne!“
„Mach dir keine Sorgen, sei einfach du selbst!“
Vielleicht verbindest du mit positiver Psychologie solche Beispiele. Zumindest denken viele Menschen das, wenn sie den Begriff zum ersten Mal hören, und ehrlich gesagt, habe ich das auch gedacht.
Tatsächlich unterscheidet sich die positive Psychologie jedoch stark davon. Was diesen Ansatz der Psychologie „positiv“ macht, ist die Art und Weise, wie wir Individuen im Vergleich zu anderen „traditionell medizinischen“ Ansätzen betrachten. Anstatt zu sehen, was mit Menschen nicht stimmt, erkennen wir an, dass es Dinge gibt, die an ihnen tatsächlich genau richtig sind, und das ist mehr, als du vielleicht denkst. Menschen haben nicht nur Defizite, Schwächen, Pathologien und Diagnosen, die Sie letztendlich als krank und fehlerhaft abstempeln. Menschen sind viel mehr als das.
Wie ist die Positive Psychologie entstanden?
Lange Zeit konzentrierte sich die Psychologie fast ausschließlich auf die Heilung psychisch kranker Menschen. Damit begannen (klinische) Psychologen, Menschen als Patienten zu betrachten. Patienten haben eine ganze Reihe von Fehlern, Defiziten, Schwächen, Krankheiten und Pathologien, und Psychologen sind sehr gut darin, diese Fehlverhalten in jedem noch so kleinen Aspekt ihrer Patienten zu finden. Jedes Detail der Krankheit soll eine Diagnose haben, ein Etikett, das sie der Person aufdrücken können, um zu beschreiben, was für einem elend sie unterliegen. Sind Menschen wirklich nur das? Sind sie nur ein Haufen von Fehlverhalten, die sich einem Kliniker präsentieren, um als solche behandelt zu werden?
Vor allem aufgrund der Schrecken der beiden Weltkriege galt es als Aufgabe der Ärzte, traumatisierte Menschen so schnell und so effizient wie möglich zu heilen. Das bedeutet, dass Psychologen und Ärzte wollten, dass die Menschen funktionieren, ihre Pflichten erfüllen und aufhören, sich inakzeptabel zu verhalten. Ihr Wert wurde daran gemessen, dass sie als funktionierende Arbeitskräfte, als funktionierende Mitglieder der Gesellschaft angesehen wurden und keine Gefahr für die Öffentlichkeit darstellten.
Vor etwa einem halben Jahrhundert stellten einige Psychologen diese Position in Frage, und fokussierten sich stattdessen darauf, die individuellen Stärken und Talente der Menschen zu verstehen und zu fördern, damit sie sich im Leben wirklich entfalten können. Menschen streben letztlich danach, am Ende ihres Lebens zurückzublicken und das Gefühl zu haben, dass sie wirklich erfüllt und glücklich waren, nicht nur funktional.
Die Ziele der Positiven Psychologie
Das Ziel der Positiven Psychologie lässt sich einfach formulieren: Menschen dabei zu helfen, auf ihre ganz eigene Weise zu gedeihen und zu wachsen und wahre Erfüllung und Wohlbefinden zu erreichen. Entgegen der Annahme, dass Menschen in Not lediglich kranke Menschen mit geschädigten Gehirnen sind, die eine schwere Last von Fehlern mit sich herumtragen, erkennen wir an, dass jeder Mensch über eine Fülle von Stärken, Talenten und individuellen Ressourcen verfügt, die maßgeblich mitwirken in dem was wir in unserem Leben erreichen können.
Anstatt nur mit tiefen inneren Wunden „fertig zu werden”, können wir unsere individuellen Stärken und einzigartigen Talente nutzen und erschließen, um mehr Selbstbestimmtheit, Selbstführung und Selbstverwirklichung zu erleben. Die Positive Psychologie befasst sich mit Konzepten wie Achtsamkeit, Resilienz, Hoffnung, Werten, Spiritualität, Dankbarkeit und der Frage, wie wir unser volles menschliches Potenzial entfalten können. Sie ist die Lehre von positiven Emotionen und optimalem psychosozialem Wohlbefinden.
Um es mit den Worten zweier seiner Hauptgründer zu sagen:
“… it is much larger. It is about work, education, insight, love, growth, and play. And in this quest for what is best, positive psychology does not rely on wishful thinking, faith, self-deception, fads, or hand waving; it tries to adapt what is best in the scientific method to the unique problems that human behavior presents to those who wish to understand it in all its complexity“
Seligman & Csickszentmihalyi (2000, p. 7)
An dieser Stelle fragst du dich vielleicht, wie die Positive Psychologie Menschen helfen kann, die mit Krisen und sehr Konfliktreichen Problemen zu kämpfen haben.
Ist Positive Psychologie in der Beratung wirksam?
Die kurze Antwort lautet: Ja.
Positive Psychologie allein kann in der Beratung wirksam sein, aber ihre Wirksamkeit kann durch die Integration mit anderen Ansätzen noch gesteigert werden meiner Meinung nach. In Verbindung mit Elementen aus der kognitiven Verhaltenstherapie (CBT) und systemischen Ansätzen wie Lösungsorientierung, Hypnosystemik, oder Internal Family Systems (IFS), kann positive Psychologie besonders wirkungsvoll und hilfreich werden.
Meiner Meinung nach ist die positive Psychologie ein wichtiger und längst überfälliger Schritt in Richtung eines ganzheitlicheren und auf das Wohlbefinden ausgerichteten Ansatzes. Die positive Psychologie wird bereits heute in einer Vielzahl von wirksamen, sehr gut erforschten und ganzheitlichsten Ansätzen genutzt. Sie fördert Akzeptanz, Kompetenzen, Mitgefühl und Resilienz, welche Grundaspekte fast aller evidenzbasierten Therapien und Beratungsprozesse bilden.
Genau aus diesem Grund habe ich mich mitunter auf die positive Psychologie spezialisiert. Mit ihrer Hilfe können wir echte innere Arbeit leisten und zu einem wirkungsvollem, langfristigen Erleben von Wohlbefinden kommen.
Mein Ziel ist es, dir zu einer dauerhaften Veränderung und Transformation zu verhelfen.
References
Seligman, M.E.P., & Csickszentmihalyi, M. (2000). “Positive Psychology: An Introduction.” American Psychologist 55(1), 5-14